Projekt: "Urlaub in der DDR"

Bilder zwischen staatlichem Blick und Freizeitfotografie

von Sönke Friedreich
 

Mit der deutschen Wiedervereinigung 1990 wurden die fotografischen Zeugnisse der DDR zu historischen Quellen, die mit wachsendem Abstand an Erinnerungswert gewinnen. Bilder vom Urlaub gehören zu den weit verbreiteten Medien dieser Erinnerung. 

Urlaubszeiten und -reisen stellen in der Moderne einen klassischen Fokus für die Bildproduktion dar. Das Aufkommen von Bildpostkarten um 1900 sowie die Verbreitung der Amateurfotografie seit den 1920er Jahren erzeugten in Kombination mit zunehmender Freizeit und wachsenden Urlaubsansprüchen eine große Menge an visuellen Quellen. Das Aufkommen des Massentourismus seit den 1970er Jahren verstärkte diesen Zusammenhang zwischen Urlaub und Bildproduktion noch. Es verwundert daher nicht, dass ein erheblicher Teil der Alltagsfotografie heute in Zusammenhang mit Urlaubserlebnissen und Reisen in „ferne Länder“ steht.

 
Abb. 1: Postkarte Ostseebad Zinnowitz [157786]

In der DDR war der Anspruch auf Urlaub bereits in der ersten Verfassung von 1949 festgelegt worden; die genaueren gesetzlichen Regelungen ergaben sich aus dem Arbeitsgesetzbuch. 1961 wurden 15 Tage Grundurlaub für alle „Werktätigen“ festgelegt, 1978 waren es 18 Tage, 1986 dann 21 Tage, wobei je nach Tätigkeit weitere Zusatztage hinzukamen. Die Ausweitung des Urlaubsanspruchs in Verbindung mit steigendem Einkommen ermöglichte es einem wachsenden Teil der Bevölkerung, mindestens einmal im Jahr eine Urlaubsreise, teilweise ins Ausland, zu unternehmen. Konnten 1967 etwa 36% der Bevölkerung eine Urlaubsreise von mindestens 1 Woche Dauer antreten, waren es 1975 etwa 46% und 1980 dann 50%. Im Verlaufe der 1980er Jahre war es schließlich der großen Mehrheit möglich, während der arbeitsfreien Zeit zu verreisen. Innerhalb des Ostblocks entwickelt sich die DDR zum Land mit den meisten Urlaubsreisenden, ein Trend, der sich auch nach der deutschen Wiedervereinigung fortsetzte. 

 

Abb. 2: Postkarte FDGB-Ferienheim “Kölpinshöh”

Eine grundlegende Strukturbedingung des Urlaubs in der DDR bestand in den bekannten Reisebeschränkungen in das sogenannte nicht-sozialistische Wirtschaftsgebiet. Den Großteil des Urlaubs verbrachten die DDR-Bürger*innen daher im Inland, wobei Reiseziele wie die Ostseeküste, der Thüringer Wald, das Erzgebirge und das Elbsandsteingebirge besonders beliebt waren. Ein weiterer prägender Faktor war die staatlich geförderte Reisetätigkeit. So war der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) nicht nur als – staatlich gelenkte – Interessenvertretung der „Werktätigen“, sondern mittels seines Feriendienstes auch als größtes Reiseunternehmen des Landes tätig, mit zahlreichen Erholungsheimen, die im ganzen Land errichtet wurden. Der Aufenthalt in diesen subventionierten Einrichtungen erfreute sich besonders an der Ostsee großer Beliebtheit, sodass die Zuteilung der kostengünstigen Ferienplätze beschränkt war. Die Ferienkommissionen der einzelnen Betriebe entschieden über die Vergabe, wobei Standorte der Schwerindustrie bevorzugt wurden. Da viele Urlauber*innen auf andere Reiseformen ausweichen mussten, war auch das Camping in der DDR weit verbreitet. Hier konnte unter einfachen Bedingungen zudem ein großes Maß an Selbstbestimmung erreicht werden.

Abb. 3: Postkarte: 'Pozdrav iz Pule'

Neben den attraktiven Zielen im Inland zog auch das sozialistische Ausland viele Reisende an. Reiseziel Nr. 1 war die Tschechoslowakei, für das der Visumzwang 1967 entfiel. Vor allem Erz- und Riesengebirge und die Hauptstadt Prag wurden von Tagestourist*innen und Kurzurlauber*innen aufgesucht. Auch Budapest war – nicht zuletzt wegen seines überdurchschnittlichen Konsumangebotes – ein beliebtes Ziel. Für längere Reisen wurde die Sowjetunion angesteuert, daneben waren Ungarn, Bulgarien und Rumänien die vorrangigen Destinationen. Polen war dagegen ein Sonderfall: Nachdem während der 1970er Jahre die Zahl der DDR-Urlauber*innen stetig gestiegen war, sorgten die politischen Unruhen 1980/81 und die damit verbundenen Beschränkungen des grenzüberschreitenden Verkehrs für einen Rückgang. Eine Sonderform bildeten schließlich Kreuzfahrten (die DDR besaß mit der „Fritz Heckert“, der „Völkerfreundschaft“ und der „Arkona“ insgesamt drei Kreuzfahrtschiffe), die entweder über die Ostsee und in die Sowjetunion oder nach Kuba führten. Allerdings war es nur wenigen Personen möglich, dieses begrenzte Angebot zu nutzen – entscheidend für die Vergabe der Plätze waren politische Loyalität und gesellschaftliches Engagement. 

 

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Abb. 4: Blick zum Meeresbahnhof in Sotschi

Mit der wachsenden Dichte der visuellen Überlieferung zum DDR-Urlaub – insbesondere seit dem Aufkommen des Massen-Tourismus in den 1970er Jahren – finden sich zunehmend auch Urlaubsbilder in der Bilddatenbank des ISGV. Diese Fotografien und Postkarten zeigen die Alltagsrelevanz von Urlaub und dokumentieren die Erinnerungsfunktion des Bildmediums im privaten Gebrauch. Wie wichtig Bilder für die Bewahrung der Urlaubserinnerung sind, zeigte sich im Projekt „Farbfilm Vergessen? Erinnerungen an den Urlaub in der DDR“, das 2008–10 am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde durchgeführt wurde und in dessen Rahmen neben Interviews auch schriftliche Berichten und Urlaubsalben ausgewertet wurden (zu den Ergebnissen des Projekts vgl. https://www.isgv.de/publikationen/details/urlaub-und-reisen-waehrend-der-ddr-zeit). Ausgangspunkt des Vorhabens war das Lebensgeschichtliche Archiv (LGA) des ISGV, in welchem diverse biografische Quellen von Menschen aus Sachsen aufbewahrt und ausgewertet werden (http://lga.isgv.de). Über die Erhebung von Erzählungen über den Urlaub sollten die subjektiven Einschätzungen, Verarbeitungsmechanismen und Darstellungsweisen erfasst werden, durch die Menschen ihre Erfahrungen strukturieren. Mithilfe eines Schreibaufrufs wurde Kontakt zu insgesamt 130 Respondent*innen aufgenommen, die über ihre Urlaubs- und Reiseerfahrungen teils knapp, teils sehr ausführlich Auskunft gaben. Dabei stellte sich rasch heraus, dass das Bildmaterial von zentraler Bedeutung war und als wichtige Erinnerungsstütze fungierte.

In vielen Fällen wurden die Reisen zu DDR-Zeiten als besonders wertvolle und wichtige Erfahrungen im eigenen Leben angesehen und entsprechend dokumentiert. Reisen konnten wichtige Lebensabschnitte charakterisieren, vor allem in der Adoleszenz, oder stellten Höhepunkte im Berufsleben dar, etwa berufsbedingte Aufenthalte in Afrika oder im Nahen Osten. Insbesondere Auslandsreisen hatten für viele Urlauber*innen Seltenheitscharakter. Dabei waren bereits die lange Anreisedauer bzw. die Wahl des Verkehrsmittels (Flugzeug) ein Faktor, der die Reise zum einmaligen Erlebnis machen konnte. Auch die Wahrnehmung der Zielregionen als fremd und exotisch machte es reizvoll, die Kamera zur Hand zu nehmen oder Postkarten zu erwerben. Die Verbreitung von Postkarten diente dann nicht nur zur Kontaktpflege mit Familie und Bekannten, sondern auch zur Distinktion. Das „exotische“ Bildmaterial wurde gerne auch zuhause im Bekanntenkreis oder unter Arbeitskolleg*innen gezeigt.

Abb. 5: Postkarte 'Greifenbachstauweiher mit Campingplatz'

Doch auch der „Urlaub im Kleinen“ wurde Gegenstand der bildlichen Dokumentation. Nicht zuletzt wurden inländische Reiseziele durch Bildpostkarten propagiert. Dabei konnte es sich um Landschaftsaufnahmen handeln, die die Schönheit einer Urlaubsgegend darstellten, oder auch um die Abbildung besonders beliebter Urlaubsorte, in denen die Tourist*innen selbst ein wichtiges Bildelement waren. 

Die Postkartenmotive waren zusätzlich durch die Abbildung von Besonderheiten der touristischen Infrastruktur gekennzeichnet, war doch das Urlaubswesen ein Vorzeigeprojekt der Staatsführung, die damit plakativ auf die Errungenschaften im Sozialwesen hinwies. Auch Sehenswürdigkeiten, ein klassisches Sujet der Bildpostkarte, finden sich häufig. Neben ihrer Funktion als Kommunikationsmittel wurden diese Postkarten gerne auch als Souvenir mit nach Hause gebracht. 

Einen wesentlich näheren Einblick erlauben private Fotoaufnahmen, auf denen die urlaubenden Personen oft selbst abgelichtet sind. Das Bedürfnis, sich selbst im Urlaub abzubilden und damit das Erlebnis zu authentifizieren, ist eng mit der Praxis der Gelegenheitsfotografie verbunden. Die spätere Einfassung in Urlaubsalben, die zusätzlich mit Texten, Reisetagebüchern, Originaldokumenten usw. ausgestattet wurden, verstärkte diesen Effekt noch. Die Fotografie wurde so zu einer Technik zur Dokumentation und Identifizierung von Lebensabschnitten im biografischen Verlauf und zum Grundstock einer „privaten Chronologie“ von Lebenswelten in der DDR.

Abb. 6: Zeltplatz in Meißen

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Die positive Färbung der Urlaubszeit als erlebnisreich, erholsam und alltagsfern spielt für die weite Verbreitung der Freizeitfotografie eine entscheidende Rolle. Aufgrund dieser Popularität befassen sich heute gerne auch verschiedene journalistische Formate mit persönlichen Erinnerungen an den Urlaub; als Beispiel sei die Sendung „MDR Zeitreise“ genannt, die sich u. a. auch dem Thema „Urlaub“ gewidmet hat (https://www.mdr.de/zeitreise/stoebern/damals/urlaub-in-der-ddr-100.html). Aufgrund der heutigen digitalen Möglichkeiten sind visuelle Selbstzeugnisse aus der DDR auch im Internet präsent, wie etwa die online-Stellung von 425 Stunden Schmalfilm-Material privater Herkunft auf der Website „Open Memory Box“ (https://www.open-memory-box.de) im Jahr 2019 verdeutlicht. Eine Perspektive „von unten“, die sich in diesen medialen Verwertungszusammenhängen spiegelt, hat in den letzten Jahren wachsende Bedeutung auch in der kulturanthropologischen und alltagshistorischen Forschung gewonnen, die das Bild der DDR-Gesellschaft kontinuierlich ausdifferenziert hat. Kaum eine abgeschlossene gesellschaftliche Erfahrung hat eine derart intensive Spiegelung in den Bildmedien erfahren. Es ist daher eine bleibende Aufgabe, Fotografien aus der Mitte der DDR-Gesellschaft – nicht nur zum Thema Urlaub und Reisen – zu sammeln und zu bewahren.

 

Literatur:

  • Sönke Friedreich: Urlaub und Reisen während der DDR-Zeit, Dresden 2011.
  • Sönke Friedreich: Zur Arbeit mit Lebensgeschichten im Bereich Volkskunde des ISGV. Das Beispiel „Urlaub in der DDR“, in: Volkskunde in Sachsen 23 (2011), S. 143-159.
  • Sönke Friedreich: Realsozialistische Binnenexotik. Die touristische Landschaftswahrnehmung in Selbstzeugnissen von DDR-Reisenden, in: Rita Garstenauer/Günter Müller (Hgg.): Aus der Mitte der Landschaft. Landschaftswahrnehmung in Selbstzeugnissen (Jahrbuch für die Geschichte des ländlichen Raumes 2011), Innsbruck/Wien/Bozen 2011, S. 129-142.
  • Christopher Görlich: Urlaub vom Staat. Tourismus in der DDR, Göttingen 2012.
  • Heike Wolter: „…wie an einem paradiesischen Ort.“ Zum DDR-Tourismus der siebziger und achtziger Jahre, in: Hasso Spode/Irene Ziehe (Hg.): Gebuchte Gefühle. Tourismus zwischen Verortung und Entgrenzung, München/Wien 2005, S. 67-81.
  • Heike Wolter: Reisen in der DDR, Erfurt 2011.