Projekt: "Feldpost im ersten Weltkrieg"

Deutsche Propagandapostkarten

von Lena Rackwitz

Die Feldpost war im Ersten Weltkrieg eines der bedeutendsten Kommunikationsmittel zwischen Menschen an der Front und den Menschen in ihrer Heimat. Dabei nahm die Postkarte als portofreies Medium eine besondere Stellung ein. Bildpostkarten erfreuten sich bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts wachsender Beliebtheit. Mit dem Beginn des Krieges veränderte sich ihre Rolle, ebenso die darauf abgedruckten Bildmotive. Diese wurden ein Werkzeug zur Vermittlung kriegsideologischer und -propagandistischer Inhalte. Die Auswahl für Motive deutscher Bildpostkarten veränderte sich über den Zeitraum des Krieges. Zu Beginn überwogen satirische Darstellungen der alliierten Mächte. Mit den grausamen Erfahrungen der Kriegsrealität glichen sich die Motive immer mehr der Stimmung der Soldaten an.

 

Bedeutung, Kriegspropaganda und Zensur der Feldpost

Abb.1: Postkarte: “Es ist zum Heulen”

Der Erste Weltkrieg ging als erste „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George Frost Kennan) in die Geschichte ein. Er war vor allem ein europäischer Krieg, dessen Ursache primär im Imperialismus europäischer Großmächte lag (vgl. Kruse 2013). Als Auslöser wird heute das Attentat von Sarajewo 1914 benannt, bei welchem der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand ermordet wurde (vgl. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg). Auf Seiten der Entente kämpften zunächst England, Frankreich und Russland. Später schlossen sich ihnen Japan, Italien, Rumänien, die USA und südamerikanische Länder an (vgl. Kruse 2013). Ihre Gegner waren die Mittelmächte. Zu ihnen zählten das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn. Ihnen standen unter anderem ab November 1914 das Osmanische Reich und seit 1915 Bulgarien bei. Am 11. November 1918 wurde ein Waffenstillstand geschlossen. Mit der Unterzeichnung des Vertrags von Versailles am 28.06.1919 übernahm das Deutsche Reich die Schuld am Ausbruch des Krieges. Ungefähr zehn Millionen Soldaten und sieben Millionen zivile Opfer verloren im Ersten Weltkrieg ihr Leben (vgl. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg).

 

Abb.2.: Postkarte: “Made in Germany”

Während ihrer Einsätze an der Front hatten Soldaten oft über Monate keinen Urlaub (vgl. Ulrich 1997, S. 39). Um auch in diesen Zeiten mit ihren Familien in Kontakt bleiben zu können, nutzten sie regelmäßig die Feldpost. Als Weg, mit der weit entfernten Familie zu kommunizieren stärkte sie die Moral der Truppen. Die Feldpost war die einzige Möglichkeit, am Alltag in der Heimat teilzuhaben und über das Leben an der Front zu berichten (vgl. Henke-Bockschatz 2014, S. 192). Außerdem waren Poststücke eine Versicherung, dass geliebte Angehörige noch am Leben waren. „Der größte Teil dieser Postsendungen waren Postkarten, von denen auf deutscher Seite tagtäglich im Durchschnitt mehr als 6 Millionen Stück zwischen Front und Heimat hin und her gingen.“ (Flemming 2007, S. 68). Bis 1917/18 stieg die Zahl der pro Tag versandten Poststücke auf mehr als 11 Millionen (vgl. Flemming 2007, S. 67).

Während Postkarten als portofreies Medium für Sender und Empfänger eine persönliche Verbindung in Zeiten des Krieges darstellten, transportierten ihre Motive oft propagandistische Botschaften. Mit Andauern des Krieges wurde die innerdeutsche Propaganda immer wichtiger, um kriegskritischem Gedankengut entgegenzuwirken. „Es wurde um Vertrauen in Regierung und Militärführung geworben, der Krieg musste als gerechter Krieg dargestellt werden und schließlich ging es darum, durch nationale Mythen kollektive Identität herzustellen“ (Kruse 2014, S. 86). Dafür wurde u. a. die Abwertung der Kulturen der alliierten Mächte genutzt, etwa durch Karikaturen dieser (vgl. Kruse 2014, S. 86–87). Neben der Verbreitung der deutschen Kriegsideologie auf politischer und militärischer Ebene durch den Staat wurde auch das kulturelle Schaffen durch private Kriegspropaganda, z. B. in Form von Postkartenmotiven, die nationale Stereotype beförderten oder die Vernichtung von Nationen propagierten, beeinflusst (vgl. Lukasch 2012). Schon vor dem Ersten Weltkrieg waren Postkarten ein beliebtes Propagandawerkzeug. Dies erreichte jedoch im Ersten Weltkrieg einen Höhepunkt. 

Die Zensur der Feldpost lag im Aufgabenbereich der deutschen Militärführung. Sie erfolgte stichprobenartig. Einige Postkartenmotive wurden als „moralisch anfechtbarer, jugendgefährdender Schund“ (Lukasch 2012) bewertet und verboten. Ebenso untersagt waren Darstellungen, welche durch die alliierten Mächte hätten missbraucht werden können. Aber nicht allein die Bilder auf den Postkarten wurden überwacht, sondern vor allem die geschriebenen Texte. Denn Soldaten war es nicht gestattet, die Heimat über die schlechte Lage an der Front zu unterrichten. Obwohl die Bildzensur vor der Textzensur eingeführt wurde , war sie nur gering ausgeprägt (vgl. Flemming 2007, S. 83). Das Überprüfen der Feldpost ermöglichte darüber hinaus auch einen Einblick in die Stimmung von Armee und Zivilbevölkerung. 

 

Postkartenmotive

Abb.3: Postkarte: “Der Soldat”

Die auf den offiziellen Postkarten abgebildeten Motive reichten von einfachen Schwarzweißgrafiken und Farbdrucken bis hin zu Fotografien. Gestellte Aufnahmen, aufgenommen von Berufsfotografen in ihren Ateliers, wurden an Firmen verkauft. Diese druckten sie dann in großen Mengen (vgl. Schlotter 2014, S. 82–83). Beliebt waren dabei auch Postkartenreihen, welche Geschichten erzählten. Dabei folgten die Motive aller offiziellen Postkarten Trends, welche durch Angebot, besonders jedoch durch Nachfrage bestimmt wurden. Zu Beginn des Krieges waren Karikaturen und satirische Darstellungen der alliierten Mächte häufig versandte Motive. Thomas Flemming bezeichnet sie treffend als „Ulk-Postkarten“ (Flemming 2007, S. 70). Bei Betrachtung dieser Karten stechen kriegspropagandistische Elemente, beispielsweise die Abwertung der gegnerischen Soldaten, hervor. Nach kurzer Zeit verloren sie jedoch an Beliebtheit. Die humoristischen Darstellungen waren für Soldaten nicht mit der Grausamkeit des Krieges vereinbar. Ebenso erfolgte eine Zensur jener Postkarten. „Die in den ersten Monaten des Krieges vielfach produzierten Propagandakarten, die sich in hämischer Weise über die Feinde lustig machten, wurden schon im Herbst 1914 von der Zensur verboten und verschwanden zu Beginn des Jahres 1915 aus der Feldpost“ (Schlotter 2014, S. 83). 

Ähnlich verlief es auch mit Fotografien von uniformierten Frauen und Abbildungen von uniformierten Kindern. Viele Soldaten empfanden nach einer kurzen Phase der Erheiterung das Spiel mit den Geschlechteridentitäten als Beleidigung. Uniformierte Kinder als propagandistisches Mittel sollten Soldaten offenbar an die Familie in der Heimat erinnern und zum Kampf motivieren. Eine andere Interpretation nahm an, dass durch die Uniform tragenden Kinder ihre Teilnahmebereitschaft am Krieg dargestellt werden sollte (vgl. Toklu 2018, S. 231). Nach wenigen Monaten der Beliebtheit verschwanden, ab Mitte 1915, auch die uniformierten Kinder. Grund dafür war das erzeugte „verniedlichende Bild vom Krieg“ (Flemming 2007, S. 71). 

Abb.4: Postkarte: “Der rechte Steuermann”

Ideologische, nationalistische Elemente, zum Beispiel Germania oder Austria, sind auf vielen Postkarten zu finden, ebenso Abbildungen von Feldherren und Monarchen. Besonders spannend ist in diesem Kontext auch die Verarbeitung maritimer Motive. Aufgrund der Begeisterung Kaisers Wilhelm II. für Kriegsschiffe und seiner Bestrebung, das Deutsche Reich zur Seemacht auszubauen, war die kaiserliche Marine „bis 1914 zur zweitstärksten Flotte der Welt“ (Walle 1988, S. 191) geworden. Diese Vorliebe des Kaisers findet sich auch auf Postkarten wieder. Er wird in diesem Rahmen als Steuermann dargestellt und idealisiert. Das „Staatsschiff“ als politische Metapher war international verbreitet und in Preußen zuvor mit dem Reichskanzler Otto von Bismarck bzw. seinem Rücktritt im Jahr 1890 verknüpft („Der Lotse geht von Bord“). Für den „Flottenkaiser“ Wilhelm II schien dieser Bezug ebenfalls sehr passend.

Die Zahl kriegspropagandistischer Darstellungen als Postkartenmotiv sank im Verlauf des Krieges. Verbildlichungen der Stimmung der Menschen waren hingegen über den gesamten Kriegszeitraum beliebt. So beispielsweise Postkarten mit sehnsuchtsvollen und sentimentalen Darstellungen, wie Abschiedsszenen. „Ungeachtet aller Nähe zum Kitsch brachten diese Motive offenkundig ein fundamentales Empfinden der Menschen massenwirksam zum Ausdruck.“ (Flemming 2007, S. 74).

Abb.5: Postkarte: “Auf Wiedersehen”

Mit fortschreitender Dauer des Krieges glichen sich die Motive immer mehr dem Frontalltag an. Viele Postkarten zeigen verharmlosende Bilder der ausrückenden Truppen und des Lebens an der Front. Dabei wurde jedoch auf realistische Darstellungen von kriegerischer Gewalt und Tod weitgehend verzichtet. Das Massensterben der deutschen Soldaten an der Front wurde, zum Beispiel durch das Symbol des Eisernen Kreuzes, zum Heldentod stilisiert. Motive mit Friedhöfen und Massenbegräbnissen sollten Angehörigen in der Heimat vermitteln, dass die im Krieg Gefallenen eine angemessene Bestattung erhielten. „Im Inferno der Materialschlachten war das allerdings keineswegs garantiert“ (Flemming 2007, S. 77).

Der Wunsch nach Frieden in der Bevölkerung wuchs. Die Postkartenmotive verdeutlichen dies bereits ab Mitte 1915 (Flemming 2007, S. 77). Farbdrucke zeigen die feierliche Heimkehr der Soldaten. Die früh gedruckten Siegeskarten verraten, dass die Vorstellung dieses Friedens auch an den Sieg der Mittelmächte gekoppelt war. Eine realistische Einschätzung des Kriegsgeschehens wurde vermutlich auch durch Berichterstattung und Zensur verhindert.

Abb.6: Postkarte: “Wie es uns Feldgrauen an der Front ergeht”

Weiterhin stieg die Popularität von privaten Fotografien vom Frontalltag als Portkartenmotiv. Besonders beliebt waren Gruppen- und Einzelaufnahmen der Soldaten. Die Abgebildeten wurden häufig detailliert beschrieben. Beliebter als die vorgefertigten, offiziellen Postkarten waren auch Fotos von Gefangenen. 

 

Auswahl der Postkarten 

Die Intention der Postkartenauswahl ist heute kaum nachvollziehbar. Es ist zweifelhaft, dass die Karten immer bewusst gewählt wurden. Indiz dafür ist die begrenzte Auswahl an Motiven in den offiziellen Kaufläden und Feldbuchhandlungen an der Front. Außerdem kam es oft vor, dass Familien den Soldaten Postkarten in die Heimatpäckchen legten, die diese dann später zurückschickten. Die portofreien Karten waren dann vor allem ein Lebenszeichen für geliebte Menschen. Manchmal lässt sich ein Widerspruch zwischen den Motiven und dem geschriebenen Text erkennen. Häufig handelt es sich bei den Texten auf Postkarten um banale Botschaften mit kaum Bildbezug (vgl. Flemming 2007, S. 84). Es gibt jedoch auch Gegenbeispiele. Teilweise finden sich Zusammenhänge zwischen dem Geschriebenen und der Motivauswahl, beispielsweise bei Verliebten. Außerdem könnten die Motive ausdrücken, was der Sender nicht in Worte fassen konnte oder wollte. Ebenso gibt es die Annahme, dass Motive bewusst gewählt wurden, wenn sich der Sender sicher war, dass er und die adressierte Person dieselbe Meinung in Bezug auf das Motiv teilten. Dies gilt zum Beispiel für Propagandapostkarten mit nationalistischen Bildmotiven (vgl. Schlotter 2014, S. 84). All diese Annahmen lassen sich jedoch anhand des hier verwendeten Bestandes nicht überprüfen, da die Postkarten nicht gelaufen sind, also nie beschrieben und versandt wurden.

 

 

Literaturverzeichnis

Flemming, Thomas: Zwischen Propaganda und Dokumentation des Schreckens. Feldpostkarten im Ersten Weltkrieg, in: Karmasin, Matthias (Hg.) Krieg - Medien - Kultur. Neue Forschungsansätze, Paderborn 2007, S. 67-87.

Henke-Bockschatz, Gerhard. Der Erste Weltkrieg. Eine kurze Geschichte, Stuttgart 2014.

Kruse, Wolfgang (2013). Erster Weltkrieg. Europäischer und globaler Charakter des Krieges, 2013. [https://www.bpb.de/themen/erster-weltkrieg-weimar/ersterweltkrieg/155303/europaeischer-und-globaler-charakter-des-krieges/]

Kruse, Wolfgang (2014). Der Erste Weltkrieg, Darmstadt 2014.

Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Der Erste Weltkrieg - Überblick, 2022. [https://www.lpb-bw.de/erster-weltkrieg-zusammenfassung].

Lukasch, Peter. Der muss haben ein Gewehr. Krieg, Militarismus und patriotische Erziehung in Kindermedien, Norderstedt 2012. [https://www.zeitlupe.co.at/werbung/propaganda1.html (08.07.2022)]

Toklu, Mehmet Osman. Türkische und deutsche Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg am Beispiel von Postkarten, in: Diyalog: interkulturelle Zeitschrift für Germanistik. Organ des türkischen Germanistenverbandes GERDER (6) 2018, S. 227-232.

Schlotter, Jennifer. "Anbei mal wieder eine Ähnlichkeit mit mir." Fotografien auf Feldpostkarten, in: Blattner, Evamarie (Hg.) Der fotografierte Krieg. Der Erste Weltkrieg zwischen Dokumentation und Propaganda, Tübingen 2014, S. 77-94.

Ulrich, Bernd. Die Augenzeugen. Deutsche Feldpostbriefe in Kriegs- und Nachkriegszeit 1914-1933, Essen 1997.

Walle, Heinrich. Die Kaiserliche Marine. Deutschlands schwimmende Wehr, in: Plagemann, Volker (Hg.) Übersee. Seefahrt und Seemacht im deutschen Kaiserreich, München 1988, S. 189-191.