Projekt: "Alte Bauten im neuen Dorf"

Der ländliche Raum der DDR im Bild

von Henrik Schwanitz 

 

Abb. 1: Alte Dorfschmiede Thossen

In den 1960er Jahren entstand eine große Zahl fotografischer Aufnahmen alter Bauernhöfe und Bauernhäuser, ländlicher Wohn- und Nutzarchitektur sowie von Dorfansichten und Landschaften, die Eingang in das Bildarchiv des ISGV gefunden haben. Diese Bilddokumente entstammen einer Aktion, die unter dem Titel „Alte Bauten im neuen Dorf“ die bauliche Struktur des ländlichen Raumes in der DDR erfassen wollte. [Abb 1.]

Der Beginn dieser Dokumentation im Jahr 1962 fiel in eine Zeit, in der der ländliche Raum und mit ihm die alte Kulturlandschaft auf dem Gebiet der DDR von massiven Transformationsprozessen betroffen war. Eingeleitet wurde die Umgestaltung der Landschaft bereits nach Kriegsende 1945 mit der „demokratischen Bodenreform“ auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ): Unter der Losung „Junkerland in Bauernhand“ kam es zur entschädigungslosen Enteignung von Großgrundbesitz ab einer landwirtschaftlichen Fläche von 100 Hektar sowie von Kriegsverbrechern sowie von tatsächlichen wie vermeintlichen Profiteuren des NS-Systems. Das Land wurde auf- und umverteilt und an landarme oder landlose Bauern, Landarbeiterinnen und Landarbeiter sowie vor allem an Flüchtlinge aus den ehemals deutschen und deutsch besiedelten Gebieten des östlichen Europa gegeben. Ab 1952 folgte dann die Kollektivierung der Landwirtschaft nach sowjetischem Vorbild. Diese war vor allem durch die Bildung Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften (LPG) geprägt und im Frühjahr 1960 mit der Kampagne „Sozialistischer Frühling auf dem Lande“ zum Abschluss gebracht worden. Die zum Teil unter Zwang durchgesetzte Ablösung der privaten Landwirtschaftsbetriebe durch genossenschaftliche Großbetriebe sollte der Durchsetzung des Sozialismus auf dem Land sowie der Modernisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft dienen. 

Sowohl die Bodenreform als auch die Kollektivierung der Landwirtschaft hoben nicht nur die althergebrachten Sozial- und Besitzverhältnisse auf, sondern wirkten sich auch in erheblicher Weise auf die Kulturlandschaft aus. Entwicklungen wie die Abtragung von Herrenhäusern und Gutsanlagen sowie durch Neubauten nach Typenentwürfen veränderten die Architektur der Dörfer grundlegend. Das betraf auch die Landschaft: Alte Flurgrenzen wie Hecken, Steinrücken und Feldwege wurden beseitigt und aus den kleinteiligen Ackerflächen wurden große, industriell bewirtschaftete Agrarflächen [Abb.2].

Abb. 2: Scheune und Maschinenschuppen in Börnersdorf

Dieser Strukturwandel war ausschlaggebend für die Planung einer groß angelegten denkmalpflegerischen Inventarisierung. Bereits Ende der 1950er-Jahre führte der Prozess der sozialistischen Umgestaltung des ländlichen Raums zur Diskussion über die Frage, wie mit dem alten, zum Teil als erhaltungswürdig angesehenen Baubestand in den Dörfern der DDR vor dem Hintergrund des technischen Fortschritts, der Ablösung einzelbäuerlicher Wirtschaft durch LPG und dem Ideal der „Verstädterung“ des Landes umgegangen werden sollte. Diese Debatte führte im Sommer 1960 unter dem Dach des Deutschen Kulturbunds zur Bildung einer Kommission, deren Mitglieder sich aus den Fachbereichen der Volkskunde, Geschichtswissenschaft, Denkmalpflege, Architektur und Landschaftsplanung sowie Heimatpflege rekrutierten. Sie kamen aus verschiedensten Institutionen, wie dem Kulturbund, der Akademie der Wissenschaften der DDR, der Deutschen Bauakademie, dem Institut für Denkmalpflege oder der Fachstelle für Heimatmuseen des Ministeriums für Kultur. Dieser Kommission stand der Zentrale Fachausschuss Volkskunde im Kulturbund beratend zur Seite. Unter Leitung der Leipziger Volkskundlerin Liesel Noack wurden für die Dokumentation zwei Fragebögen zur „Erfassung historischer Siedlungen und Bauten auf dem Lande“ entwickelt. Dabei wurden einerseits Informationen zu den Dörfern erfragt, wie Lage, Größe, Flurformen und Bevölkerungsstruktur, und andererseits Einzelbauwerke in den Blick genommen. Ein Aufruf, der sowohl vom Deutschen Kulturbund als auch von der Deutschen Akademie der Wissenschaften der DDR getragen wurde, flankierte die Fragebogenaktion und rief offiziell zur Teilhabe am Vorhaben auf

Das Ziel bestand darin, den Ist-Zustand auf dem Land zu dokumentieren, um auf diese Weise denkmalpflegerisch bedeutungsvolle Gebäude identifizieren zu können. Ganz der fortschrittsoptimistischen Position der SED folgend, wurden die ländlichen Bauten als kulturelle Äußerungen des werktätigen Volkes verstanden, womit auch – zumindest in der Theorie – den alten Bebauungen auf dem Dorf als kulturelles Erbe Bedeutung zugesprochen wurde. Dabei ging es konkret um die Frage, wie alte Bauten mit denkmalpflegerischer Bedeutung vor der Zerstörung bewahrt werden konnten. Die Dokumentation sollte aber auch als Grundlage für Überlegungen dienen, wie der alte Baubestand in die neuen Zusammenhänge des vollgenossenschaftlichen Dorfes eingebunden und umfunktioniert werden konnte. In der Praxis ging es oftmals aber einfach nur um eine Inventarisierung und Aufnahme, da eine Erhaltung nicht mehr möglich war. Das Erfassungsgebiet sollte die gesamte DDR abdecken. Da dieser Raum viel zu groß war, dass ihn allein Expertinnen und Experten inventarisieren konnten, setzten die Initiatoren aktiv auf Bürgerinnen und Bürger vor Ort, die sich an der Aktion beteiligen und auf der Grundlage der Fragebögen Material sammeln sollten. Die Erhebung des Materials hatte ihren Höhepunkt 1966 bis 1968, wobei letzte Rückläufer der Fragebogenaktion auf das Jahr 1970 datiert werden können. 

Abb. 3: Plan von Pleißa

Letztendlich konnte das Ziel einer flächendeckenden Inventarisierung nach Ablauf des Projektes im Jahr 1968 nicht erreicht werden. Auch eine angestrebte Auswertung des Materials in einer gemeinsamen Publikation fand aus bislang unbekannten Gründen nicht statt. Was jedoch bleibt, sind die im Zuge dieser Aktion erhobenen und archivierten Materialsammlungen. 

Die Außenstelle des Instituts für Volkskunde der Deutsche Akademie der Wissenschaften in Dresden – die Vorläuferinstitution des heutigen ISGV – war, insbesondere in Person des Arbeitsleiters Alfred Fiedler, maßgeblich an der Fragebogenaktion beteiligt. Ein umfangreicher Teil des erhobenen Materialen findet sich daher in der Sammlung des ISGV. Der Bestand umfasst über 200 Fragebögen sowie rund 1.250 Bildobjekte, wobei eben nicht nur die eigentlichen Bauten fotografiert wurden, sondern auch Baupläne, architektonische Zeichnungen sowie Handskizzen und (Flur-)Karten [Abb. 3]. Der Bestand der Bilddokumente wurde in die Datenbank des Bildarchivs eingepflegt und somit digital zugänglich gemacht. Der kuratierte Zugang ermöglicht dabei, die für sich einzelnen Bilder zu einem Gebäudekomplex oder zu einem Ort in den größeren historischen Zusammenhang der Aktion „Alte Bauten im neuen Dorf“ zu stellen und bildet die Grundlage für die Kontextualisierung des Materials und für dessen (wissenschaftliche) Auswertung. 

Abb. 4: Ansicht der ehemaligen oberen Mühle in Rodau

Die fotografischen Darstellungen reichen dabei von Ansichten prägnanter Gebäude und Gebäudeensemble [Abb. 4] über Aufnahmen, die Hinweise zur Siedlungsstruktur des Dorfes geben, bis hin zu Orts- und Landschaftsansichten, die das zu betrachtende Dorf in seiner Gesamtheit zu erfassen suchen. Dabei eröffnen die Bilddokumente nicht nur einen Blick auf das „alte Dorf“, sondern bilden auch den Wandel ab, wenn etwa Typenbauten der LPG oder moderne Mietshäuser von der „neuen“ Zeit künden [Abb. 5].

Abb. 5: Neue Wohnhäuser und Geflügelstallanlage des Volksgutes

Da die Aktion stark auf das ehrenamtliche Engagement von Bürgerinnen und Bürgern vor Ort angewiesen war, ist das Material geografisch heterogen und deckt das heutige sächsische Gebiet nicht gleichmäßig ab. Vielmehr existieren regionale Schwerpunkte dort, wo besonders eifrige Sammler und Zulieferer agierten. Diese nahmen vor allem jenes auf, was in der Nähe ihres eigenen Wohnortes zu finden war. So besteht eine hohe Materialdichte z. B. für die Gebiete um Plauen im Vogtland und Annaberg-Buchholz. Diese Heterogenität zeigt sich auch in dem, was erfasst und/oder fotografiert wurde, hing dies doch immer auch mit den Kenntnissen und vor allem Interessen des jeweiligen Bearbeiters zusammen. 

Der Bestand „Alte Bauten im neuen Dorf“ ermöglicht einen Blick in die dokumentarisch-denkmalpflegerische Vorgehensweise der Volkskunde, Denkmal- und Heimatpflege in der DDR, die in Reaktion auf die massiven Veränderungen im ländlichen Raum tätig waren und versuchten, erhaltungswürdiges Kulturgut vor der Überformung zu bewahren. Darüber hinaus aber eröffnen die Bilddokumente eine Perspektive auf das Dorf im Wandel. So zeichnet sich der Bildbestand vor allem dadurch aus, dass er einerseits den Blick auf eine historische Lebenswelt eröffnet, andererseits aber die sichtbar werdenden Veränderungen deutlich macht. Die Spuren, die die Bodenreform und die Kollektivierung hinterlassen haben, sollten das Gesicht des ländlichen Raumes in der DDR nachhaltig prägen, und sie sind zum Teil bis heute in der baulichen und kulturlandschaftlichen Struktur der Dörfer in Ostdeutschland präsent.

 

Literatur:

Alte Bauten im neuen Dorf, 2 Teile, hrsg. von Deutschen Kulturbund/Zentrale Kommission Natur und Heimat des Präsidialrates/Zentrales Aktiv „Bauten im Dorf“, Berlin 1963-1964.

Arnd Bauerkämper (Hg.), „Junkerland in Bauernhand“? Durchführung, Auswirkungen und Stellenwert der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone (Historische Mitteilungen, Beiheft 20), Stuttgart 1996.

Günther Bayerl/Torsten Meyer (Hg.), Die Veränderung der Kulturlandschaft. Nutzungen – Sichtweisen – Planungen (Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt, Bd. 22), Münster u. a. 2003.

Uta Bretschneider, „Vom Ich zum Wir?“. Flüchtlinge und Vertriebene als Neubauern in der LPG (Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde 53, Leipzig 2016.

Andreas Dix, „Freies Land“. Siedlungsplanung im ländlichen Raum der SBZ und frühen DDR 1945 bis 1955, Köln 2002.

Sönke Friedreich/Ira Spieker (Hg.), Fremde – Heimat – Sachsen. Neubauernfamilien in der Nachkriegszeit, Beucha/Markkleeberg 2014.

Timo Heimerdinger, „Alte Bauten im neuen Dorf“. Verlauf und Ertrag einer denkmalpflegerischen Erfassungsaktion 1962–1970, in: Volkskunde in Sachsen 13/14/2002, S. 301-323.

Elke Scherstjanoi, SED-Agrarpolitik unter sowjetischer Kontrolle 1949–1953 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 70), München 2007.

Jens Schöne, Frühling auf dem Lande? Die Kollektivierung der DDR-Landwirtschaft, Berlin 2005.

Ira Spieker, Bilder – Welten – Erfassen. Bildsammlungen als Transformationsraum analoger und digitaler Formate, in: Volkskunde in Sachsen 31/2019, S. 195-210.